Sechs Begriffe der Liebe im antiken Griechenland

 Eine Sprache spiegelt die Kultur des Landes. So finden sich in manchen Kulturen Begriffe, für die es in den anderen Kulturen sogar keine Entsprechung gibt. …Und wenn wir eine neue Sprache erlernen, dann lernen wir auch eine andere Denkweise kennen und erweitern den eigenen Horizont.

Es mag Dich überraschen, dass es im Arabischen 100 Synonyme für das Wort „Liebe“ gibt und dass man auf Persisch auf 9 verschiede Arten „Ich liebe Dich“ sagen kann… Beeindruckend, nicht wahr?

Heute möchte ich darüber sprechen, wie die antiken Griechen die Liebe gesehen haben.

Sie unterschieden 6 Arten der Liebe. Für jede Art gab es einen eigenen Begriff und eine eigene Definition.

Als Beziehungscoach begegne ich mich vielen Menschen auf der Suche nach einer romantischen Beziehung. Offensichtlich hat diese Art der Liebe einen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Und das Fehlen eines Partners / einer Partnerin im Leben fühlt sich für viele Menschen ähnlich einer Tragödie an.

Wir konzentrieren uns auf die romantische Liebe und vergessen viel zu oft, dass es viel mehr in unserem Leben gibt als nur sie.
„Where your focus goes, energy flowes.“ (Tony Robbins)

Worauf Du Dich konzentrierst, dort geht Deine Energie und Deine Aufmerksamkeit hin. Im Umkehrschluss: Das Fehlen solcher Liebe in Deinem Leben fühlt sich so tragisch nur deswegen an, weil Du alle anderen Arten der Liebe ausblendest. Du nimmst sie einfach nicht wahr und versäumst es glücklich zu sein.

Vielleicht grübelst Du und trauerst Deinem Ex-Partner nach. Dabei ist das Leben voller Gelegenheiten: Gerade jetzt könntest Du eine Reise unternehmen, ein neues Hobby anfangen, alte Freunde besuchen und neue Freunde finden. Die Kinder leiden meistens nicht so sehr an der Trennung der Eltern, wie daran, dass es der Mutter oder dem Vater dabei nicht gut geht.

Indem Du Dich ausschließlich auf eine romantische Liebe konzentrierst, verpasst Du die Gelegenheiten neue Erfahrungen zu machen, vernachlässigst die Freundschaften und merkst die Fürsorge Deiner Kinder nicht. 

Definition der modernen Liebe

Die romantische Liebe, wie wir sie kennen, ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts. Aus der Sicht der Wissenschaft besteht die moderne romantische Liebe aus Freundschaft, Leidenschaft und Verbindlichkeit (Exklusivität).

Wenn alle drei Komponente zusammenkommen, fühlen wir uns erfüllt und glücklich.

Die weisen Griechen definierten weitere Arten von Liebe und lehren uns, dass jede davon wichtig ist und in Balance mit anderen sein soll. Diese Einstellung kann einen grundsätzlichen Unterschied in Deiner Lebensqualität ausmachen: Wenn etwas fehlt – dann ist das nicht alles, sondern nur ein Teil. Trotz des Bruchs hörst Du nicht auf ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Und eine neue Beziehung zu starten fällt Dir in diesem Fall viel einfacher.


Eros – die Leidenschaft

Eros – der Gott der Fruchtbarkeit – ist der Namensgeber der ersten Art der Liebe. Doch die Griechen haben ihn nicht so positiv gesehen wie wir. Oft war er mit Irrationalität, Besessenheit und dem Verlust an Kontrolle assoziiert. 

Philia – tiefe Freundschaft

Philia war unter Griechen weit mehr geschätzt als Eros. Philia stand für Freundschaft: Loyalität gegenüber Freunden, Aufopferung in Not und Teilen der Gefühle.

Eine besondere Art von Philia war Storge – die Liebe in der Familie zwischen Eltern, Kindern, Geschwistern und weiteren Familienangehörigen. Storge beinhaltet Loyalität, Verpflichtungen und familiäre Bindungen.

Wie viel Philia oder wie viel Storge fühlst Du in Dir? Und wie erfüllt könnte Dein Leben werden, wenn Du auf tiefe lebenslange Freundschaften achten würdest… 

Ludus – die verspielte Liebe

Ludus ist die Verspieltheit und das liebevolle Necken. Ludus ist alles, was Fantasie, Aufregung, Überraschung und Spaß ist: Das Tanzen mit einem Fremden genauso wie das Lachen im Kreis der Freunde. Auch das Spielen der Kinder verstanden die Griechen als Ludus.

Wenn Du voller Freude bist und diese Freude teilst, wenn Du Dich lebendig fühlst und strahlst, fühlst Du Ludus – die Würze in Deinem Leben. 

Agape – die allumfassende Liebe

Agape ist die selbstlose spirituelle Liebe, die ihren Ausdruck in vielen Religionen findet. Sie ist die Antwort auf die Frage: „Wie kannst Du Dich um die Menschen kümmern, von denen Du weißt, dass sie Dir nie etwas zurückgeben können?“ Übersetzt in Latein, heißt Agape „Caritas“.

Agape ist die Kraft, die uns dazu bewegt, den Anderen in Not zu helfen. Empathische und fürsorgliche Menschen üben Agape regelmäßig aus. Agape ist es zu zeigen, dass Du Dich kümmerst und nicht gleichgültig bist.

Und es mag in unserer pragmatischen Gesellschaft kitschig klingeln, aber ein erfülltes Leben voller Respekt und Wertschätzung ist ohne Agape nicht möglich. 

Pragma – die langjährige Liebe

Der kanadische Soziologe John Alleen Lee propagierte in den 70ern diese griechische Form der Liebe. Pragma findest Du bei langjährigen glücklichen Paaren wieder. Sie beruht auf Reife, der Fähigkeit Kompromisse zu schließen, Geduld, Toleranz und Respekt zu einander. Wenn Du Pragma lebst, genießt Du Deine Partnerschaft ohne Angst etwas falsch zu machen. Du fühlst Leichtigkeit und Lebensfreude und behältst das gemeinsame langfristige Ziel im Auge. Du kannst Dich und Deinen Partner realistisch einschätzen, freust Dich über die Gemeinsamkeiten und respektierst Eure Unterschiede. Deine Partnerschaft erfüllt und vervollständigt Dich, Du fühlst Dich sicher darin aufgehoben.

Der Psychologe Erich Fromm meinte, dass wir uns zu sehr darauf konzentrieren uns zu verlieben, anstatt in Liebe zu bleiben. Pragma ist genau das: Liebevoll bleiben im alltägigen Leben. 

Philautia – die Selbstliebe

Bereits Aristoteles beschrieb zwei unterschiedliche Ausprägungen der Philautia. Die erste assoziierte er mit Narzissmus – dem Streben nach eigenem Profit um jeden Preis. Die zweite Form der Philautia hat mit Selbstwertschätzung und Selbstrespekt zu tun und ist ein wichtiger Teil einer reifen gesunden Persönlichkeit.

Wenn Du im Reinen mit Dir selbst bist, wenn Du Dich liebst und akzeptierst, dann wirst Du eine Menge Ressourcen haben, um Deine Liebe den Anderen zu schenken.

Laut Aristoteles: „Alle Deine Gefühle für andere Menschen sind nur Verlängerung Deiner Gefühle zu Dir selbst.“ 


Die antiken Griechen wertschätzten alle diese Arten der Liebe. Ihre Botschaft für uns ist zu pflegen und zu nähren jede einzelne davon: Suche nicht nur Eros, sondern pflege Deine Freundschaften durch Philia und genieße Ludus tanzend durch die Nacht.  

Erwarte keine Perfektion in der Beziehung. Vielleicht beginnt sie mit Ludus und Eros und entwickelt sich zu Philia und Pragma. Sei offen und neugierig darauf, was Dich erwartet.

Die sechs Arten der Liebe können Trost spenden, denn sie zeigen Dir, wie viel Liebe Du in Deinem Leben bereits hast. 

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